Es gibt Begegnungen, deren Bedeutung wir oft erst viele Jahre später wirklich verstehen. Für mich gehört die Begegnung mit meinem Mathematiklehrer dazu, der mich von der siebten bis zur zehnten Klasse unterrichtete und meinen weiteren Weg stärker prägte, als mir damals bewusst war.
Vor einiger Zeit fragte mich eine Mutter nach einem Elterngespräch: „Gab es in Ihrer Schulzeit eigentlich auch eine Lehrkraft, die Sie besonders geprägt hat?“
Ihre Frage ließ mich nicht los.
Seit mehr als fünfunddreißig Jahren arbeite ich selbst als Lehrerin. Heute leite ich eine Grundschule und begleite als Lerncoach Kinder, die sich mit dem Lernen schwertun, sich wenig zutrauen oder nach vielen Misserfolgen kaum noch an ihre eigenen Fähigkeiten glauben. In Gesprächen mit Eltern geht es häufig um Fördermöglichkeiten, Diagnosen oder die passende Unterstützung. Doch immer wieder stelle ich fest, dass eine andere Frage mindestens genauso wichtig ist:
Welcher Erwachsene sieht das Kind hinter seinen Schwierigkeiten?
Als ich darüber nachdachte, musste ich nicht lange überlegen.
Vor meinem inneren Auge erschien sofort das Bild meines Mathematiklehrers, der mich von der siebten bis zur zehnten Klasse begleitete. Er war kein Lehrer, der sich mit großen Worten in Erinnerung gebracht hätte. Was ihn auszeichnete, war seine Haltung. Er sah seine Schülerinnen und Schüler nicht nur durch die Brille ihrer Leistungen. Er nahm wahr, wer sie waren, welche Stärken sie mitbrachten und welches Potenzial in ihnen steckte.
Damals hätte ich diese Gedanken noch nicht formulieren können. Ich war ein Teenager, der gern zur Schule ging und sich auf jede Mathematikstunde freute. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, wie sehr diese Begegnung meinen eigenen Blick auf Kinder geprägt hat. Vielleicht liegt genau darin der Grund, weshalb ich heute nicht zuerst nach den Fehlern eines Kindes suche, sondern nach seinen Fähigkeiten.
Kurz zusammengefasst
Silke Schwerdtfeger erinnert sich an ihren Mathematiklehrer, der sie von der siebten bis zur zehnten Klasse begleitete und sie nicht nur über ihre Leistungen, sondern als Person wahrnahm. Sein Vertrauen, seine hohen Erwartungen und seine wertschätzende Haltung stärkten ihr Selbstvertrauen und prägten ihren späteren Weg als Lehrerin und Lerncoach. Der Beitrag zeigt, wie sehr eine tragfähige Beziehung zwischen Lehrkraft und Kind weit über den Unterricht hinaus wirken kann.
Ich war die ruhige Schülerin, die trotzdem gesehen wurde
Während meiner Schulzeit gehörte ich nicht zu den Schülerinnen, die laut waren oder ständig im Mittelpunkt standen. Ich arbeitete konzentriert, meldete mich, wenn ich etwas wusste, und erledigte meine Aufgaben zuverlässig. Rückblickend würde ich sagen, dass ich eher zu den stillen Kindern gehörte, die wenig Aufmerksamkeit einfordern und deshalb im Schulalltag leicht übersehen werden.
Mein Mathematiklehrer gehörte nicht zu den Menschen, die nur die Lauten wahrnahmen.
Schon nach kurzer Zeit entstand bei mir das Gefühl, dass er mich wirklich sah. Er erkannte nicht nur, dass mir Mathematik leichtfiel. Ihm fiel auch auf, mit welcher Sorgfalt ich arbeitete, wie gewissenhaft ich Aufgaben erledigte und wie selbstverständlich ich Verantwortung übernahm. Diese Eigenschaften sprach er kaum aus. Stattdessen zeigte er sie durch sein Verhalten.
Im Klassenraum saß ich in der letzten Bankreihe. Viele verbinden diesen Platz mit Unruhe oder Desinteresse. Für mich bedeutete er etwas ganz anderes. Mein Lehrer wusste, dass ich auch von dort aus aufmerksam mitarbeitete. Er musste mich nicht ständig im Blick behalten oder kontrollieren. Allein dieses Vertrauen vermittelte mir das Gefühl, dass er sich auf mich verlassen konnte.
Noch deutlicher wurde das, als er begann, mir Aufgaben außerhalb des eigentlichen Unterrichts zu übertragen. Immer wieder durfte ich unsere Klasse gegenüber der Schulleitung vertreten oder organisatorische Aufgaben übernehmen. Später leitete ich sogar eine Grundschulgruppe und erhielt für diese Tätigkeit regelmäßig Freistellungen vom Unterricht. Für viele Mitschülerinnen und Mitschüler waren das vielleicht kleine Besonderheiten. Für mich waren sie Ausdruck eines großen Vertrauens.
Er sagte nie: „Ich vertraue dir.“ Er handelte so. Dadurch fühlte ich mich ernst genommen.
Heute weiß ich, wie bedeutsam solche Erfahrungen für Kinder sind. Vertrauen entsteht nicht durch gut gemeinte Worte. Es wächst, wenn Erwachsene Verantwortung übertragen und einem Kind zeigen, dass sie an seine Fähigkeiten glauben.

Jede Mathematikstunde begann mit Herzklopfen
An jede Mathematikstunde erinnere ich mich noch heute, denn sie begann mit einer mündlichen Leistungskontrolle. Sobald unser Lehrer das Klassenbuch aufschlug, wurde es im Raum spürbar ruhiger, weil niemand wusste, wer als Nächstes aufgerufen wurde. Obwohl Mathematik mein Lieblingsfach war, war ich jedes Mal aufgeregt. Ich wollte zeigen, dass ich vorbereitet war und das Vertrauen meines Lehrers zu Recht genoss.
Bedrohlich empfand ich diese Situationen dennoch nie. Seine Erwartungen motivierten mich, weil ich spürte, dass er mir anspruchsvolle Aufgaben zutraute und an meine Fähigkeiten glaubte. Aus heutiger Sicht liegt genau darin ein wichtiger Unterschied: Hohe Erwartungen können Kinder stärken, wenn sie mit Vertrauen, Wertschätzung und einer tragfähigen Beziehung verbunden sind.
Auch mein Sitznachbar trug dazu bei, dass ich Mathematik so gern mochte. Er war ebenfalls sehr gut in diesem Fach, doch Konkurrenz spielte zwischen uns keine Rolle. Wir knobelten gemeinsam, verglichen Lösungswege, erklärten einander unsere Gedanken und lernten voneinander.
Mit jeder Mathematikstunde wuchsen deshalb nicht nur mein Wissen und meine Freude am Fach, sondern auch das Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Fachlich guter Unterricht, positive Erwartungen und eine wertschätzende Beziehung kamen zusammen und genau diese Verbindung machte für mich den Unterschied.
Er weckte nicht nur meine Freude an der Mathematik, sondern auch mein Vertrauen in mich selbst
Mathematik gehörte schon früh zu meinen Lieblingsfächern. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich meine Fähigkeiten nicht allein meinem Talent verdanke. Entscheidend war die Art, wie mein Lehrer unterrichtete und wie er uns begegnete.
Sein Unterricht war klar strukturiert, anspruchsvoll und gleichzeitig so aufgebaut, dass wir Zusammenhänge verstehen konnten. Es ging nicht darum, Formeln auswendig zu lernen oder Rechenwege mechanisch anzuwenden. Er wollte, dass wir dachten, Fragen stellten und eigene Lösungswege entwickelten. Das faszinierte mich.
Mit jeder Unterrichtsstunde wuchs meine Begeisterung für Mathematik. Gleichzeitig entwickelte sich etwas, das für meinen weiteren Lebensweg noch wichtiger werden sollte: Ich begann, meinen eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.
Dieses Vertrauen entstand nicht über Nacht. Es wuchs durch viele kleine Erfahrungen. Mein Lehrer traute mir anspruchsvolle Aufgaben zu. Er erwartete gute Leistungen, weil er überzeugt war, dass ich sie erreichen konnte. Seine Erwartungen waren niemals Druck, sondern Ausdruck seines Glaubens an meine Fähigkeiten.
Heute weiß ich, dass Kinder genau diese Erfahrung brauchen. Wer immer wieder erlebt, dass ein Erwachsener an ihn glaubt, entwickelt nach und nach den Mut, auch selbst an sich zu glauben.
Als mein Berufswunsch plötzlich greifbar wurde
Schon als Jugendliche wusste ich, dass ich Lehrerin werden wollte.
Viele Erwachsene reagieren auf solche Wünsche freundlich, aber unverbindlich. Mein Mathematiklehrer tat das nicht. Er sprach mit mir über meinen Berufswunsch, als wäre er längst ein realistisches Ziel. Weil er meine Freude an der Mathematik und meine Leistungen in diesem Fach sah, versuchte er immer wieder, mich für das Lehramt an einer weiterführenden Schule zu gewinnen.
Bis heute erinnere ich mich an diese Gespräche. Sie machten mich stolz, weil ich spürte, dass ein Mensch, den ich fachlich und menschlich sehr schätzte, mir diesen Weg zutraute.
Trotzdem zog es mich in die Grundschule. Schon damals faszinierte mich die Vorstellung, Kinder in ihren ersten Schuljahren zu begleiten, sie für das Lernen zu begeistern und ihnen einen guten Start ins Schulleben zu ermöglichen.
Mein Lehrer akzeptierte diese Entscheidung ohne Vorbehalte. Er versuchte nicht, mich von meinem Weg abzubringen, sondern unterstützte ihn. Rückblickend erkenne ich darin eine Haltung, die ich mir bis heute für jede Lehrkraft wünsche. Gute Förderung bedeutet nicht, Kinder in eine Richtung zu lenken, sondern ihnen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden.
Meine Erfahrungen als Lehrerin und Lerncoach gebe ich in meinen Tipps für einen entspannten Familienalltag weiter. Hier kannst auch du davon profitieren.
Sein Vertrauen reichte weit über das Klassenzimmer hinaus
Eine Begebenheit aus der neunten Klasse hat sich besonders tief in mein Gedächtnis eingeprägt.
Damals erhielt ich über Jugendtourist die Möglichkeit, an einer Reise in ein nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet teilzunehmen. In der DDR war das alles andere als selbstverständlich. Für eine solche Reise spielte die Einschätzung der Schule eine wichtige Rolle, und längst nicht jede Bewerbung wurde befürwortet.
Mein Mathematiklehrer setzte sich für mich ein.
Er sprach für mich und bestätigte, dass ich verantwortungsbewusst, zuverlässig und vertrauenswürdig war. Als Jugendliche nahm ich das mit großer Freude an. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, welche Bedeutung dieses Vertrauen damals hatte.
Er beschränkte sich nicht darauf, mich im Unterricht zu fördern. Er war bereit, Verantwortung für seine Einschätzung zu übernehmen und sich für mich einzusetzen.
Wenn ich heute an diese Situation zurückdenke, empfinde ich vor allem Dankbarkeit. Sein Vertrauen war keine beiläufige Geste. Es war eine Entscheidung, hinter einer Schülerin zu stehen und ihr Möglichkeiten zu eröffnen.
Vielleicht war ihm selbst gar nicht bewusst, welche Wirkung das auf mich hatte. Für mich war es eine weitere Bestätigung, dass ich ernst genommen wurde und dass meine Persönlichkeit ebenso wichtig war wie meine schulischen Leistungen.
Manchmal schließt sich ein Kreis
Einige Jahre später führte mich mein Weg an genau diese Schule zurück.
Inzwischen war ich Lehramtsstudentin und durfte dort mein Schulpraktikum absolvieren. Später legte ich sogar meine Prüfung an derselben Schule ab, an der ich selbst viele Jahre zuvor als Schülerin gesessen hatte.
Als ich die vertrauten Flure entlangging, kamen unzählige Erinnerungen zurück. Aus der Schülerin war eine angehende Lehrerin geworden. Aus den Erfahrungen, die mich geprägt hatten, entstand nach und nach meine eigene Haltung als Pädagogin.
Damals wurde mir bewusst, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sind. Vieles von dem, was ich heute als Lehrerin, Schulleiterin und Lerncoach für selbstverständlich halte, hat seinen Ursprung in diesen Schuljahren.
Ich habe gelernt, dass Beziehung kein zusätzlicher Baustein guten Unterrichts ist. Sie ist seine Grundlage.
Kinder lernen leichter, wenn sie sich angenommen fühlen. Sie übernehmen Verantwortung, wenn ihnen Verantwortung zugetraut wird. Und sie entwickeln Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, wenn Erwachsene den Mut haben, zuerst an sie zu glauben.

Heute erkenne ich meinen Mathematiklehrer in vielen Begegnungen wieder
Wenn Eltern mit ihrem Kind zu mir kommen, sprechen wir zunächst über das, was ihnen Sorgen bereitet. Es geht um Legasthenie, ADHS, Konzentrationsprobleme oder nachlassende Motivation. Hinter all diesen Themen entdecke ich jedoch häufig eine viel grundlegendere Frage.
Gibt es einen Menschen in der Schule, der dieses Kind wirklich sieht?
Dabei stehen weder seine Fehler noch eine mögliche Diagnose oder seine Noten im Mittelpunkt. Entscheidend ist für mich der Mensch mit seiner Persönlichkeit, seinen Erfahrungen, seinen Bedürfnissen und seinen Stärken.
Vielleicht bewegt mich diese Frage deshalb so sehr, weil ich selbst erleben durfte, welche Kraft in einer solchen Begegnung steckt.
Mein Mathematiklehrer hat mich nicht geprägt, weil er außergewöhnliche Methoden eingesetzt hätte. Er hat mich geprägt, weil seine Haltung von Vertrauen, Respekt und ehrlicher Wertschätzung getragen war.
Genau diese Haltung versuche ich heute an Kinder weiterzugeben. Denn ich bin überzeugt, dass fachliche Förderung und Beziehung keine Gegensätze sind. Im Gegenteil. Erst wenn beides zusammenkommt, entsteht der Raum, in dem Kinder über sich hinauswachsen können.
Was ich meinem Mathematiklehrer heute sagen möchte
Ich weiß nicht, ob mein Mathematiklehrer damals geahnt hat, welche Spuren er in meinem Leben hinterlassen würde.
Vermutlich gehörte ich für ihn zu vielen Schülerinnen und Schülern, die er über die Jahre begleitet hat. Für mich hingegen war er einer der Menschen, die meinen weiteren Weg entscheidend beeinflusst haben.
Natürlich war es mein eigener Wunsch, Lehrerin zu werden. Diesen Traum hatte ich schon lange, bevor er mein Klassenlehrer wurde. Doch er hat dazu beigetragen, dass aus diesem Wunsch eine Überzeugung wurde. Er hat mir zugetraut, meinen Weg zu gehen, und dieses Vertrauen hat mir den Mut gegeben, an meine eigenen Fähigkeiten zu glauben.
Wenn ich ihm heute begegnen könnte, würde ich mich nicht zuerst für die guten Mathenoten bedanken.
Ich würde ihm sagen:
„Danke, dass Sie mich gesehen haben.
Besonders dankbar bin ich Ihnen dafür, dass Sie nie versucht haben, mich zu verändern.
Meine ruhige Art haben Sie angenommen, ohne sie mit Unsicherheit zu verwechseln.
Sie haben mir Verantwortung übertragen und mir damit gezeigt, wie Vertrauen wachsen kann.
Meinen Berufswunsch nahmen Sie ernst und bestärkten mich darin, meinen eigenen Weg zu gehen.
Bis heute bedeutet es mir viel, dass Sie sich auch außerhalb des Unterrichts für mich eingesetzt haben.“
Vielleicht würde er heute gespannt meine Tipps für einen entspannten Familienalltag lesen. Falls du von den Tipps profitieren möchtest, dann melde dich dafür an.
Mein Wunsch an Eltern und Lehrkräfte
Wenn du Mutter oder Vater eines Kindes mit Lernschwierigkeiten bist, wünsche ich dir, dass deinem Kind mindestens ein Mensch begegnet, der seine Stärken erkennt, bevor sie für alle sichtbar werden.
Wenn du Lehrerin oder Lehrer bist, wünsche ich dir, dass du nie unterschätzt, welche Wirkung dein Blick auf ein Kind haben kann.
Vielleicht erinnerst du dich Jahre später nicht mehr an jede einzelne Schülerin oder jeden einzelnen Schüler.
Ein Kind erinnert sich jedoch oft ein Leben lang daran, wie es sich in deiner Gegenwart gefühlt hat.
Manchmal genügt ein Satz, eine Aufgabe, die du ihm zutraust, ein ehrliches Gespräch und die Bereitschaft, sich für dieses Kind einzusetzen.
All diese kleinen Momente können einen Lebensweg verändern.
Mein Mathematiklehrer hat meinen Weg nicht bestimmt. Er hat mir gezeigt, dass ich ihn gehen kann. Deshalb versuche ich heute, für die Kinder, die mir begegnen, derselbe Mensch zu sein, der er damals für mich war. Denn vielleicht beginnt die wichtigste Förderung nicht mit einer Methode, einem Arbeitsblatt oder einem Förderprogramm, vielleicht beginnt sie in dem Augenblick, in dem ein Kind spürt: Da ist jemand, der an mich glaubt.