Der Moment, als ich erkannte, dass meine Tochter nicht faul war

„Mama, schau mal. Die Schnecke hat ihre Fühler wieder draußen!“

Auf dem Heimweg vom Hort blieb meine Tochter immer wieder stehen und beobachtete eine Schnecke, die langsam über den Gehweg kroch. Fasziniert verfolgte sie die glänzende Schleimspur und erzählte mir alles, was ihr auffiel. Mal zeigte sie auf die Fühler, mal auf das Schneckenhaus, und ihre Augen strahlten vor Begeisterung.

Zu Hause hatte ich eine Idee. Wir könnten doch gemeinsam ein kleines Buch über die Schnecke schreiben. Meine Tochter war begeistert, ich war begeistert, und es fühlte sich nach einem dieser besonderen Momente an, in denen Lernen ganz natürlich entsteht.

Damals ahnte ich nicht, dass genau dieser Nachmittag mein Leben als Mutter und meinen späteren beruflichen Weg verändern würde.

🔍 Kurzantwort:

An einem gewöhnlichen Nachmittag saß ich mit meiner Tochter am Tisch, um ein Buch über eine Schnecke zu schreiben. Was als schöne Idee begann, endete in Tränen. In diesem Moment erkannte ich: Meine Tochter war nicht faul – sie brauchte Verständnis. Diese Erkenntnis führte mich zunächst auf die Suche nach Antworten für mein eigenes Kind und Jahre später zu meiner Arbeit als Lerncoach, Dyskalkulietrainerin, KinFlex®-Therapeutin und Gründerin von Sorglos Lernen.

Wie mein Leben vor diesem Moment aussah

Damals war ich bereits Lehrerin und arbeitete jeden Tag mit Kindern. Ich kannte Methoden zum Lesen- und Schreibenlernen, wusste, wie wichtig Wiederholungen sind, und erlebte täglich, wie Kinder Schritt für Schritt neue Kompetenzen aufbauen.

Heute begegnen mir viele Familien, deren Geschichte meiner eigenen ähnelt. Oft denken Eltern zunächst, ihr Kind sei unmotiviert oder wolle sich nicht anstrengen. Dabei zeigt die Erfahrung immer wieder: Meine Tochter war nicht faul, und viele andere Kinder sind es ebenfalls nicht.

Gleichzeitig war ich Mutter einer Tochter, der das Lernen deutlich schwerer fiel als vielen anderen Kindern.

Natürlich übten wir zu Hause, natürlich wollte ich sie unterstützen, und natürlich machte ich mir Gedanken darüber, warum ihr manches so schwerfiel.

Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich eine Überzeugung, die viele Eltern und Lehrkräfte teilen. Ich glaubte, dass Kinder mit ausreichend Übung irgendwann ans Ziel kommen und dass Motivation, Fleiß und Durchhaltevermögen die entscheidenden Faktoren für den Lernerfolg sind.

Meine Tochter stellte diese Überzeugung jedoch immer häufiger infrage.

Sie war neugierig, stellte viele Fragen, interessierte sich für ihre Umwelt und konnte Zusammenhänge erkennen, über die sie stundenlang erzählte. Trotzdem geriet sie beim Lesen und Schreiben immer wieder an ihre Grenzen, und damals verstand ich nicht, warum. Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen zu sagen: „Meine Tochter war nicht faul.“ im Gegenteil. Wie viele Eltern suchte ich die Ursache zunächst bei mangelnder Übung, fehlender Konzentration oder zu wenig Ausdauer.

Der Moment, der alles verändert hat

Die Idee mit dem Schneckenbuch

Die Idee mit dem Schneckenbuch schien perfekt.

Meine Tochter hatte auf dem Heimweg so viele spannende Beobachtungen gemacht, dass wir daraus eine kleine Geschichte entwickeln wollten. Also holte ich Papier, Stifte und die Anlauttabelle, und wir setzten uns gemeinsam an den Tisch.

Die Stimmung war zunächst wunderbar.

Als die Freude am Schreiben verschwand

Dann wollten wir die ersten Wörter aufschreiben.

„Welchen Laut hörst du am Anfang von Schnecke?“

Meine Tochter überlegte, wusste es aber nicht. Ich zeigte auf die Anlauttabelle und fragte: „Welches Bild passt dazu?“

Doch auch darauf kam keine Antwort. Ich erklärte die Aufgabe noch einmal, stellte andere Fragen und versuchte es mit Hilfen und Beispielen. Trotzdem kamen wir nicht weiter.

Dabei konnte meine Tochter die Schnecke bis ins kleinste Detail beschreiben. Sie wusste, wie sie sich bewegte, wie die Schleimspur aussah und wann die Fühler herauskamen. Das Wissen war da, die Beobachtungsgabe war da und die Begeisterung ebenfalls.

Aber sie konnte die Laute nicht heraushören, die passenden Anlaute nicht finden und die Buchstaben nicht zuordnen.

Je länger wir am Tisch saßen, desto größer wurde die Anspannung. Die Freude verschwand, die Unsicherheit nahm zu, und irgendwann liefen die Tränen. Meine Tochter wollte aufgeben, während ich weitermachen wollte.

Heute kann ich mir eingestehen, dass ich damals zu ehrgeizig war. Ich wollte helfen, fördern und aus einer schönen Idee ein Erfolgserlebnis machen.

Stattdessen saß ich neben einem weinenden Kind, und ich war selbst traurig. Nicht wegen des Buches, sondern weil ich nicht verstand, warum etwas, das so voller Freude begonnen hatte, in Frust und Tränen endete.

In diesem Moment traf mich eine Erkenntnis, die ich nie wieder vergessen habe:

Meine Tochter war nicht faul. Sie war nicht unmotiviert, sie strengte sich nicht zu wenig an, sondern gab bereits alles, was ihr in diesem Moment möglich war.

Was danach geschah: Meine Suche nach Antworten begann

Warum mich die Fragen nicht mehr losließen

Der Nachmittag mit dem Schneckenbuch war nicht der Moment, in dem plötzlich alles anders wurde. Er war vielmehr der Beginn einer langen Suche.

Die Tränen meiner Tochter gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Immer wieder dachte ich an die Situation zurück. Da war ein Kind, das voller Begeisterung eine Schnecke beobachtet hatte, neugierig war und unglaublich viel erzählen konnte. Und da war dasselbe Kind, das wenige Minuten später verzweifelt vor einem Blatt Papier saß.

Ich begann, mir Fragen zu stellen:

Warum fällt manchen Kindern das Lesen und Schreiben so schwer, obwohl sie intelligent sind?

Warum helfen Üben und Wiederholen nicht immer?

Warum entwickeln manche Kinder Selbstzweifel, obwohl sie sich große Mühe geben?

Damals wusste ich noch nicht, dass mich diese Fragen viele Jahre begleiten würden.

tochter nicht faul: aufsteller mit Übersicht zur heterogenen Lerngruppe
Unsere Lerngruppen sind heterogen – als Mutter machte ich die Erfahrung, dass nicht alle Kinder gleich sind.

Von der Suche nach Antworten zu Sorglos Lernen

Mein erster Schritt war kein mutiger Sprung, sondern ein leiser und sehr persönlicher. Ich suchte zunächst Antworten für meine Tochter. Ich las Fachliteratur, besuchte Fortbildungen und begann, Lernen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Je tiefer ich mich mit Lernen, Wahrnehmung und kindlicher Entwicklung beschäftigte, desto mehr erkannte ich, dass viele Familien ähnliche Erfahrungen machen. Aus einzelnen Fortbildungen wurden Ausbildungen. Ich beschäftigte mich mit Legasthenie, Dyskalkulie, Wahrnehmungsverarbeitung und Lernstrategien, später kamen frühkindliche Reflexe, Lerncoaching und Familiencoaching hinzu.

Nicht sofort wurde alles leichter.

Es gab weiterhin Herausforderungen, offene Fragen und Situationen, in denen ich mir mehr Klarheit gewünscht hätte. Aber mein Blick veränderte sich Schritt für Schritt. Jede neue Erkenntnis half mir, meine Tochter besser zu verstehen, und gleichzeitig veränderte sich mein berufliches Denken.

Ich hörte auf zu fragen:

„Warum macht das Kind das nicht?“

Stattdessen fragte ich immer häufiger:

„Was braucht dieses Kind, damit Lernen gelingen kann?“

Dadurch wurde mein Alltag anders. Ich beobachtete genauer, hörte Kindern aufmerksamer zu und suchte nicht mehr zuerst nach Fehlern, sondern nach Ursachen.

Rückblickend entstand an diesem Nachmittag nicht nur eine neue Sichtweise auf meine Tochter. Dort entstand auch die Grundlage für das, was viele Jahre später zu Sorglos Lernen werden sollte.

Warum die Erkenntnis „Meine Tochter war nicht faul“ mein Leben bis heute beeinflusst

Wenn Eltern heute vor mir sitzen

Heute liegt dieser Nachmittag viele Jahre zurück. Das Schneckenbuch existiert längst nicht mehr, aber die Erinnerung daran begleitet mich bis heute.

Wenn Eltern in mein Lerncoaching kommen und von Hausaufgabenkämpfen, Tränen oder stundenlangem Üben ohne Erfolg erzählen, erkenne ich mich oft selbst wieder. Ich erinnere mich an die Mutter, die damals neben ihrer Tochter saß und glaubte, sie müsse nur besser erklären, länger üben oder noch mehr unterstützen.

Heute weiß ich, dass Lernen nicht bei Arbeitsblättern beginnt, sondern damit, ein Kind wirklich zu verstehen.

tochter nicht faul; blonde Frau steht vor dem Flipchart mit 4 Schritten zum erfolgreichen Lernen
Ich betrachtete das Kind ganzheitlich und entwickelte Schritte zum erfolgreichen Lernen.

Wie diese Erfahrung meine Arbeit verändert hat

Der Nachmittag mit dem Schneckenbuch hat meinen Blick auf Kinder grundlegend verändert und meine berufliche Entwicklung entscheidend geprägt. Ohne diese Erfahrung hätte ich viele Ausbildungen vermutlich nie begonnen, und Sorglos Lernen würde es in seiner heutigen Form wahrscheinlich nicht geben.

Durch diesen Moment wurde etwas möglich, das ich damals nicht einmal erahnen konnte: Ich begleite heute Familien nicht nur als Lehrerin, sondern auch als Lerncoach, Dyskalkulietrainerin und KinFlex®-Therapeutin. Ich kann Eltern helfen, die sich genauso hilflos fühlen, wie ich mich damals gefühlt habe.

Gleichzeitig wurde etwas anderes unmöglich.

Ich kann heute nicht mehr vorschnell urteilen, wenn ein Kind Aufgaben verweigert, langsam arbeitet oder scheinbar keine Motivation zeigt. Zu oft habe ich erlebt, dass hinter diesem Verhalten ganz andere Ursachen stecken. Auch in meinem Kopf hat sich etwas verändert. Früher suchte ich nach Methoden, heute suche ich zuerst nach dem Warum. Früher dachte ich stärker in Leistungen, heute denke ich stärker in Entwicklungswegen.

Was ich meinem damaligen Ich heute sagen würde

Würde ich diesen Weg noch einmal gehen?

Ja.

Würde ich diesen Nachmittag noch einmal genauso erleben wollen?

Nein.

Wenn ich heute neben meinem damaligen Ich sitzen könnte, würde ich sagen:

„Leg den Stift weg. Das Buch ist nicht wichtig. Schau dein Kind an. Es kämpft gerade mehr, als du sehen kannst.“

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dieser Erfahrung mitgenommen habe.

Kinder brauchen nicht immer mehr Druck, mehr Arbeitsblätter oder mehr Übungen. Sie brauchen Erwachsene, die bereit sind hinzuschauen, zuzuhören und zu verstehen.

tochter nicht faul; blonde Frau sitzt am Schreibtisch und malt eine Sonne, im Hintergrund ein Flipchart mit Hinweisen zum erfolgreichen Lernen
Ich beschäftigte mich intensiv mit Faktoren, die das Lernen beeinflussen können.

Was ich Eltern heute mitgeben möchte

Wenn dein Kind beim Lesen, Schreiben oder Rechnen kämpft, dann schau genauer hin.

Nicht jedes Kind, das Aufgaben vermeidet, ist bequem. Nicht jedes Kind, das langsam arbeitet, strengt sich zu wenig an, und nicht jedes Kind, das aufgibt, hat keine Lust zu lernen. Viele Kinder kämpfen jeden Tag mit Anforderungen, die für andere selbstverständlich erscheinen. Sie möchten lernen, Erfolge erleben und ihre Eltern stolz machen. Manchmal fehlt ihnen nicht der Wille, sondern die passende Unterstützung.

Der Nachmittag mit dem Schneckenbuch liegt viele Jahre zurück, und das Buch wurde nie so fertig, wie ich es damals geplant hatte.

Heute bin ich darüber dankbar.

Denn dieses unfertige Buch hat mir etwas geschenkt, das weit wertvoller war als jede fertige Geschichte. Es hat mir gezeigt, dass hinter jedem Lernproblem eine Geschichte steckt, und es hat mir die wichtigste Erkenntnis meines Lebens geschenkt:

Meine Tochter war nicht faul. Sie brauchte jemanden, der versteht, warum Lernen für sie so schwer war. Der Satz „Meine Tochter war nicht faul“ ist bis heute einer der wichtigsten Sätze meines Lebens geblieben.

Kennst du so einen Moment auch?

Gab es einen Moment, in dem du dein Kind plötzlich mit anderen Augen gesehen hast?

Einen Moment, der deinen Blick auf Lernen, Schule oder Familie verändert hat?

Dann erzähle mir gern davon in den Kommentaren.

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