Geständnis: Ich habe Kindern manchmal mehr geschadet als geholfen – das Kind lernt trotz Üben nicht.
„Er kann es immer noch nicht.“
Dieser Satz ging mir tagelang nicht aus dem Kopf.
Vor mir saß Christian am Ende der ersten Klasse. Obwohl er Förderunterricht besuchte, seine Eltern täglich mit ihm übten und wir alle auf sein Lesenlernen hinarbeiteten, lernte dieses Kind trotz Üben nicht lesen. Damals suchte ich nach immer neuen Übungen. Heute weiß ich, dass ich die entscheidende Frage gar nicht stellte.
Diese Erkenntnis hat meine Arbeit als Lehrerin, Schulleiterin und Lerncoach grundlegend verändert.
Kurzantwort:
Wenn ein Kind trotz Üben nicht lernt, liegt die Ursache häufig nicht an mangelnder Motivation oder zu wenig Fleiß. Erst wenn die tatsächlichen Gründe für die Lernprobleme erkannt werden, kann die Unterstützung gezielt ansetzen. Genau diese Erkenntnis hat meine Arbeit als Lehrerin, Schulleiterin und Lerncoach grundlegend verändert.
Was habe ich falsch gemacht, als dieses Kind trotz Üben nicht lernte?
Christian war weder unmotiviert noch gleichgültig. Seine Eltern begleiteten ihn mit bewundernswerter Konsequenz. Sie lasen täglich mit ihm, unterstützten ihn bei den Hausaufgaben und organisierten sogar Nachhilfe, weil sie ihrem Sohn jeden möglichen Weg eröffnen wollten. Auch ich schöpfte aus allem, was ich damals als Lehrerin gelernt hatte.
Ich empfahl tägliche Lesezeiten und ließ Buchstaben und Laute wiederholen. Wir übten die Laut-Buchstaben-Zuordnung, schrieben Übungswörter, zunächst als Abschreibübung und später nach Diktat. Ich stellte zusätzliche Arbeitsblätter zusammen. Weiterhin achteten wir auf einen ruhigen Arbeitsplatz, eine gute Sitzhaltung und regelmäßige Wiederholungen.
Von außen betrachtet schien alles zu stimmen, engagierte Eltern, ein fleißiges Kind, Förderunterricht, Nachhilfe und tägliches Üben hätten eigentlich gute Voraussetzungen schaffen müssen.
Doch genau das geschah nicht.
Mit jeder Woche, die verging, investierten wir mehr Zeit und noch mehr Energie. Gleichzeitig wuchs die Enttäuschung auf allen Seiten. Während die Erwachsenen nach weiteren Übungen suchten, verlor ein kleiner Junge Schritt für Schritt den Glauben daran, dass er lesen lernen könne.
Ich sehe ihn noch heute vor mir. Er meldete sich immer seltener, wollte nicht mehr laut vorlesen, antwortete vorsichtiger. Schließlich wurde er sogar im Förderunterricht still.
Er konnte Seiten der Fibel nahezu auswendig wiedergeben. Das eigentliche Prinzip des Lesens hatte er jedoch nicht verstanden. Die Verbindung einzelner Laute zu einem Wort, die sogenannte Synthese, gelang ihm nicht sicher.
Damals hielt ich das für ein Übungsproblem.
Heute weiß ich, dass ich an der falschen Stelle nach einer Lösung gesucht habe. Mir begegnen viele Familien, deren Kind trotz Üben nicht lernt. Fast immer erzählen sie eine ähnliche Geschichte.
Wenn dich solche Einblicke interessieren und du dein Kind besser verstehen möchtest, lade ich dich herzlich in meinen Newsletter ein. Dort teile ich jede Woche Erfahrungen aus meiner Arbeit mit Familien sowie praktische Impulse für einen entspannteren Lernalltag.
Warum habe ich so lange nicht darüber gesprochen?
Ich war überzeugt, richtig zu handeln.
Dieser Satz mag schlicht klingen, doch genau darin lag mein blinder Fleck.
Ich hatte gelernt, dass regelmäßiges Üben Sicherheit schafft. Wiederholungen galten als unverzichtbar, Förderunterricht wurde als sinnvolle Unterstützung und zusätzliche Materialien als Ausdruck individueller Förderung gesehen. Nichts davon war falsch, vieles davon hilft Kindern bis heute.
Dennoch übersah ich etwas Entscheidendes.
Ich fragte fast ausschließlich, wie wir dieses Kind besser fördern können.
Ich fragte nicht, warum dieses Kind trotz all unserer Bemühungen überhaupt nicht so lernen konnte, wie wir es erwarteten. Diese Erkenntnis traf mich mit voller Wucht, als meine eigene Tochter eingeschult wurde.
Sie freute sich auf die Schule und lernte die ersten Buchstaben mit großer Begeisterung. Die Laute konnte sie den einzelnen Buchstaben sicher zuordnen. Schwierigkeiten entstanden erst in dem Moment, als mehrere Laute zu einem Wort verbunden werden sollten.
Natürlich reagierte ich so, wie ich es unzähligen Familien zuvor empfohlen hatte.
Wir lasen täglich, wiederholten regelmäßig, festigten Buchstaben, übten die Lautverbindungen.
Nach jedem weiteren Nachmittag am Küchentisch stellte ich mir dieselbe Frage: Warum gelingt es uns trotz aller Mühe nicht?
Je länger wir übten, desto deutlicher spürte ich, wie sich aus der anfänglichen Freude Frust entwickelte. Meine Tochter wurde stiller, ich wurde ratloser und unsere gemeinsamen Lernzeiten verloren genau das, was sie eigentlich stärken sollten: Vertrauen.
Zum ersten Mal saß ich nicht mehr auf der Seite der Lehrerin.
Ich saß auf der Seite einer Mutter, die ihr Kind liebt, alles richtig machen möchte und dennoch erleben muss, dass Fleiß allein keinen Fortschritt garantiert.
Dieser Perspektivwechsel veränderte mehr in mir als jede Fortbildung zuvor.

Der Wendepunkt: Die wichtigste Frage hatte ich nie gestellt
Der eigentliche Wendepunkt kam nicht an einem einzigen Tag. Er entwickelte sich über Jahre.
Jede Fortbildung, jede Familie und jedes Kind fügten dem Bild ein weiteres Puzzleteil hinzu. Mit jeder neuen Erfahrung wurde deutlicher, dass dieselben Lernprobleme völlig unterschiedliche Ursachen haben können.
Irgendwann bemerkte ich, dass ich aufgehört hatte zu fragen:
„Wie bringen wir dieses Kind dazu, mehr zu üben?“
Stattdessen stellte ich eine andere Frage:
„Warum kann dieses Kind im Moment überhaupt nicht so lernen, wie wir es erwarten?“
Diese eine Frage veränderte meine gesamte Arbeit.
Plötzlich rückten nicht mehr Arbeitsblätter und Übungspläne in den Mittelpunkt, sondern Sprache, Wahrnehmung, Konzentration, emotionale Sicherheit, familiäre Belastungen, Selbstvertrauen und mögliche Hinweise auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche oder anderes. Ich begann zu verstehen, dass sich Lernprobleme zwar in der Schule zeigen, ihre Ursachen jedoch häufig weit darüber hinausreichen.
Ein Kind, dessen Eltern sich gerade trennen und täglich über das Umgangsrecht streiten, bringt andere Voraussetzungen mit als ein Kind mit einer noch nicht altersgerecht entwickelten Sprachverarbeitung.
Ein Kind mit Schwierigkeiten in der Wahrnehmung benötigt eine andere Unterstützung als ein Kind, das vor allem Lernstrategien entwickeln muss.
Ein Kind mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche braucht spezialisierte Methoden. Zusätzliche Wiederholungen allein reichen häufig nicht aus.
Heute weiß ich, dass hinter jedem Symptom eine Geschichte steckt. Diese Geschichte möchte ich verstehen.
Viele Gedanken aus meiner täglichen Arbeit teile ich regelmäßig in meinem Newsletter. Wenn du dein Kind nicht nur beim Lernen begleiten, sondern seine Schwierigkeiten wirklich verstehen möchtest, freue ich mich, wenn du dabei bist.

Was hat sich dadurch verändert?
Wenn heute eine Familie zum ersten Mal mein Lerncoaching betritt, beginnt unsere Zusammenarbeit nicht mit einem Arbeitsblatt und auch nicht mit einer Liste von Übungen. Zunächst möchte ich verstehen, wer dieses Kind ist.
Mich interessiert, was ihm Freude bereitet, worauf es stolz ist und welche Erfahrungen es bisher mit Lernen gemacht hat. Ebenso wichtig ist mir die Sicht der Eltern. Sie erzählen von ihren Hoffnungen, ihren Sorgen, den vielen Versuchen und oft auch von den Konflikten, die sich rund um Hausaufgaben und Schule entwickelt haben.
Erst wenn beide Perspektiven sichtbar werden, entsteht das Gesamtbild, das ich für meine Arbeit brauche.
Natürlich schaue ich auf Lesen, Schreiben, Rechnen und Konzentration. Gleichzeitig interessieren mich Sprache, Wahrnehmung, Motivation, Beziehungen, familiäre Belastungen, Ressourcen und emotionale Sicherheit, weil all diese Faktoren den Lernerfolg beeinflussen können.
Früher dachte ich, jedes Kind braucht den richtigen Lernplan. Heute weiß ich: Jedes Kind braucht zuerst jemanden, der wirklich verstehen möchte, warum Lernen gerade schwerfällt.
Erst danach entscheiden wir gemeinsam, welche Unterstützung diesem Kind tatsächlich hilft.

Was kannst du aus meiner Geschichte für dein Kind mitnehmen?
Mein Geständnis soll weder Schuld verteilen noch Schuldgefühle erzeugen. Es soll Mut machen.
Wenn ein Kind trotz Üben nicht lernt, lohnt es sich, nicht nur auf das sichtbare Problem zu schauen, sondern nach den eigentlichen Ursachen zu suchen.
Lernt dein Kind trotz Üben nicht, bedeutet das nicht automatisch, dass es sich zu wenig anstrengt. Falls es trotz vieler Übungen keine Fortschritte macht, bedeutet das nicht automatisch, dass es sich zu wenig anstrengt. Ebenso wenig bedeutet es, dass du als Mutter oder Vater versagt hast. Manchmal zeigt ein ausbleibender Lernerfolg lediglich, dass die bisherige Antwort nicht zur eigentlichen Ursache passt.
Vielleicht braucht dein Kind keine weitere Übungsseite,
vielleicht braucht es zunächst sprachliche Unterstützung,
vielleicht braucht es Sicherheit,
vielleicht braucht es eine andere Methode,
vielleicht braucht es jemanden, der bereit ist, genauer hinzuschauen.
Genau das wünsche ich jeder Familie, nicht vorschnelle Lösungen, sondern ein tiefes Verständnis dafür, warum Lernen im Moment schwerfällt.
Wenn du solche Gedanken regelmäßig lesen möchtest, begleite ich dich gern über meinen Newsletter. Dort schreibe ich jede Woche über Lernprobleme, Konzentration, Motivation und Wege, wie Kinder wieder Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln können.
Dieses Geständnis war unbequem. Trotzdem bin ich froh, dass ich es ausgesprochen habe
Manchmal frage ich mich, wie Christian aus meiner ersten Klasse heute lebt. Ich hoffe, dass er Menschen begegnet ist, die nicht gefragt haben, warum er nicht genug übt. Ich hoffe, dass jemand gefragt hat, warum ihm das Lernen so schwerfällt.
Vielleicht hätte sich sein Weg dadurch früher verändert, meiner hat sich verändert.
Nicht, weil ich plötzlich bessere Übungen gefunden habe, sondern weil ich bereit war, meine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.
Ich habe damals nach bestem Wissen gehandelt. Heute weiß ich mehr.
Genau deshalb beginnt heute jede Begleitung mit einer einzigen Bitte an Eltern und Kind:
„Erzählen Sie mir bitte zuerst von Ihrem Kind.“
Falls dein Kind trotz Üben nicht lernt, wünsche ich dir vor allem eines: Suche nicht nach noch mehr Übungen, sondern nach den Ursachen.
Jedes Lernproblem erzählt eine Geschichte. Wer nur das Symptom behandelt, übersieht oft den wichtigsten Teil dieser Geschichte.